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6. Mai 2006 - Liebe Schwärzer, liebe Udenhäuser,
„Oooohh, das riecht schon richtig nach Meer...!“, rief Carola, und als wir um die nächste Ecke bogen, lag es tatsächlich vor uns: türkisblau im Sonnenschein funkelnd, mit ein paar weißen Schaumkrönchen, genau so wie Meer eben sein soll. Ja, auch das gibt es in Israel: Sommer, Sonne und Strand. Wenn auch, zugegebenermaßen vom Strand nicht so viel zu sehen war außer Reihen von Liegestühlen und Handtüchern. Und gerochen hat es, ja auch nach Meer, aber vor allem nach gegrillten Würstchen und Steaks und Sonnencreme. Aber das macht nichts, das gehört auch dazu und ist vor allem nicht anders zu erwarten, wenn man am Jom Ha’azmaut, wo ganz Israel frei hat, nach Tel Aviv an den Strand fährt.
Zu viert hatten wir uns auf den Weg gemacht, mit dem Zug von Jerusalem nach Tel Aviv. Mit dem Zug dauert es länger als mit dem Bus, dafür ist es eine wunderschöne Strecke, vor allem am Anfang. Durch die Berge, die jetzt noch grün sind und getupft mit rot, blau und gelb blühenden Blumen. Und sogar ein Bach schlängelte sich entlang der Bahnstrecke. „Fast wie in den Alpen“, stellte ich begeistert fest, was jedoch zu ungläubigen Blicken von Seiten meiner Mitfahrer führte, die alle aus Süddeutschland kommen.
Jom Ha’azmaut, das ist der Unabhängigkeitstag in Israel. Ich glaube, in meinem letzten Brief hatte ich geschrieben, dass es nun wieder ruhiger wird, weil Ostern vorbei ist. Das war ein Irrtum. Denn der Unabhängigkeitstag und der Jom Hazikaron, der ihm vorausgeht, sind natürlich alles andere als normaler Alltag. Am Jom Hazikaron wird der gefallenen Soldatinnen und Soldaten gedacht, ähnlich wie an unserem Volkstrauertag. Am Montag Abend wurde er um 20.00 Uhr von einem zweiminütigen Sirenenton eingeleitet und auch am Dienstag Vormittag um 11.00 Uhr erklang die Sirene zum Innehalten und Gedenken. Dann stoppen die Autos auf der Straße, für zwei Minuten steht alles still. Überall im Land fanden an diesem Tag Gedenkfeiern statt. In der Zeitung las ich Berichte von Eltern, die ihre Söhne verloren hatten. Tiefe Trauer war darin zu lesen, neben der Hoffnung, dass der Tod der Kinder nicht umsonst gewesen sein möge und der Bitte, dass sie nicht vergessen werden.
Am Dienstagabend geht der Volkstrauertag über in den Unabhängigkeitstag. Die nachdenkliche Stimmung verwandelt sich in fröhliche Feierlaune. Die Straßen der Innenstadt sind für Autos gesperrt und werden zu einem riesigen Festplatz. Überall hängen israelische Flaggen, nun nicht mehr auf Halbmast, und auch aus vielen Autofenstern flattert eine Fahne.
Mit einem Feuerwerk wird das Fest eingeleitet. Ich habe das Feuerwerk von weitem gesehen. Nach einem Gemeindeabend in der Erlöserkirche in der Altstadt, saßen wir noch eine Weile dort auf der Terasse, mit einem Glas Wein und haben uns unterhalten. In der Altstadt ist vom Unabhängigkeitstag nicht viel zu merken. „Ich weiß nicht, ob es ein Tag zum Feiern ist. Es gibt so viele Widersprüche hier in diesem Land“, hat jemand gesagt.
Auf dem Heimweg durch die Neustadt habe ich mir das Fest angeschaut. Auf der großen Bühne an der Stadtverwaltung spielte eine Gruppe israelische Musik. Und die Menschen haben dazu getanzt, eine Art Volkstanz, es sah sehr schön aus, am liebsten hätte ich mitgemacht. Weiter im Zentrum, in der Ben Yehuda, einer großen Einkaufsstraße, waren jüngere Leute unterwegs. Dort wurde Techno gespielt, und auch hier war die Stimmung ausgelassen. Es war ziemlich spät, als ich schließlich zu Hause ankam!
Ich grüße Sie herzlich, Ihre Astrid Prinz.
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